Die Geschichte der öffentlichen Stromversorgung in Görlitz.

Im Jahre 1896 begann mit der Errichtung des Elektrizitätswerkes an der Prager Straße 90 die Geschichte der öffentlichen Stromversorgung in Görlitz.

Für den Bau des Elektrizitätswerkes in Görlitz waren 630000 Mark veranschlagt. Angelegt wurde das Görlitzer Elektrizitätswerk aufgrund eines
Beschlusses der städtischen Kollegien vom 5. April 1895. Sachverständiger war der Civil - Ingenieur Ross aus Wien. Die elektrische und maschinelle Einrichtung wurde der Firma Siemens & Halse aus Charlottenburg mit einem Vertrag vom 17. April 1895 übertragen.

Der Magistrat setzte den Tarif für die Lieferung von 100 Watt elektrischer Energie pro Stunde den Preis von 7 Pfennig fest. Dazu kam noch eine Miete für den Elektrizitätszähler von 10 Mark für Kleinverbraucher bis zu 10 Mark jährlich und Großverbraucher mussten 30 Mark Zählermiete entrichten.
Für Privatkunden, die nur eine einzige Glühlampe im Hause installiert hatten wurde ein Festpreis von 1,20 Mark pro Monat erhoben. Außerdem mussten die Verbraucher noch eine so genannte Beisteuer für die Installation der elektrischen Zuleitungen entrichten.

Damit lag der Preis für eine Kilowattstunden elektrischer Energie in Görlitz im Durchschnitt bei 70 Pfennig und entsprach dem, was auch in anderen Städten für die Lieferung von elektrischer Energie gezahlt werden musste. Für ein Ei musste man in Deutschland zu dieser Zeit in der Regel 6 Pfennig bezahlen und der Tagesverdienst eine Arbeiters betrug selten mehr als 3 Mark. Die Nutzung von elektrischer Energie für Beleuchtung oder für die Türklingel war damals noch ein Luxus.

100 Jahre Elektrizität

Im Jahre 1844 setzte die galvanoelektrische Firma Elkington in Birmingham die wahrscheinlich allererste elektrische Kraftanlage in Betrieb: Ein magnetelektrischer Generator wurde mit einer Dampfmaschine angetrieben. In Athen wurden 1896 die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit durchgeführt, Antoine Henri Bequerel entdeckte die natürliche Radioaktivität, in Budapest wurde die erste U-Bahn des europäischen Kontinents eröffnet und der 1893 gegründete Verband Deutscher Elektrotechniker gab 1896 die ersten Sicherheits-Vorschriften für den Betrieb von Elektroanlagen heraus. Besonders wichtig für die Entwicklung der öffentlichen Stromversorgung war die Entdeckung des dynamoelektrischen Prinzips durch Werner von Siemens im Jahre 1866. Werner von Siemens hatte sich als Ingenieur in der preußischen Armee intensiv mit dem von Gauß und Weber in Göttingen erfundenen Telegrafen befasst. Zur geschäftlichen Entwicklung des Telegrafen hatte er mit einem Partner die Elektrofirma Siemens & Halske gegründet, die 1896 das Elektrizitätswerk in Görlitz errichtete.

Am 15. August 1885 wurde das erste deutsche Kraftwerk in der Markgrafenstraße in Berlin in Betrieb gesetzt. Dieses Datum markierte den Beginn der deutschen Kraftwerksgeschichte. Bis zum Jahre 1896 wurden in Deutschland 363 Kraftwerke mit einer Gesamtleistung von 84902 Kilowatt gebaut. Das erste deutsche Kraftwerk Berlin-Markgrafenstraße hatte bei Inbetriebnahme eine Nennleistung von rund 660 kW. Diese elektrische Energie wurde von 6 kleineren Dynamos mit je 27 kW und 12 größeren mit je 41,3 kW bereitgestellt. Angetrieben wurden die Dynamos durch 6 stehende Verbunddampfmaschinen mit je 150 PS Nennleistung. Das Kraftwerk in Görlitz wurde von 3 Dampfmaschinen mit jeweils 93 PS Leistung angetrieben. Die Dampfmaschinen betrieben Wechselstromgeneratoren. Das Niederspannungsnetz war als 2-Leiternetz für 110 Volt ausgelegt. Der Probebetrieb begann im Juni und am 1. Juli 1896 wurde das Kraftwerk offiziell in Betrieb genommen. Bis zum Ende des Jahres 1896 existierten 146 Abnehmeranschlüsse mit 4400 Glühlampen, 200 Bogenlampen und 13 Elektromotore, die alle zusammen eine Leistung von 30 PS erbringen konnten.

Obwohl die Herstellung von Wechselstrom schon länger bekannt war, sind im 19. Jahrhundert fast ausschließlich Gleichstromkraftwerke gebaut worden. Das erste große Wechselstromkraftwerk in Deutschland ging 1891 in Köln an das Netz. Der Vorteil der Errichtung eines Wechselstromkraftwerkes außerhalb des Stadtzentrums lag in der relativ günstigen Übertragbarkeit von Wechselstrom über lange Strecken. Der Nachteil lag im geringeren Nutzungsgrad. Die Gleichstromkraftwerke mit Akkumulatorenbetrieb hatten durchweg bessere Werte für die Jahresnutzungsdauer.

Im gleichen Jahr - 1891 - war es Oscar von Miller auf der Elektrizitätsausstellung in Frankfurt am Main gelungen durch eine Übertragung von elektrischer Energie vom Wasserkraftwerk Lauffen bei Heilbronn bis nach Frankfurt die Vorteile des Wechselstroms für die Versorgung ganzer Regionen zu demonstrieren.
Endgültig durchsetzen konnte sich der Wechselstrom erst mit der Errichtung leistungsfähiger Transformatoren und einer ständig wachsenden Nachfrage nach elektrischer Energie.